Dies irae

Sie sind gekommen,
sagt Einer.

Nein, das kann nicht sein,
wimmert ein Anderer.

Es war schon längst an der Zeit,
erwidert der Erste.

Deshalb ist es so und kann es auch sein.
Denn dies ist der Reim,
den wir töricht waren zu beginnen
und an dem wir jetzt zerrinnen.
Dies ist das Wort, welches wir zuerst sprachen –
Und sieh, nun sind es Lachen,
in denen unsere Liebsten liegen.
Daran lässt sich nun nichts verschieben.
Sieh es ein.

Nein!
spricht der Zweite.
Das kann einfach nicht sein.
Dies ist nicht mein Reim.
Ich tat, wie man mir geheißen.
Und das? Das soll das jetzt heißen?

Du dummes Kind, wir alle sind Betrogene.
Verraten und kalt Eingesogene.
Verführt von falschen Versprechungen und Lügen.
Dennoch, man kann nicht nur die da oben rügen,
denn wir wollten lieber glauben, anstatt zu verstehen,
um bloß ungeachtet weiterzugehen.
– Ja, das kann ich jetzt sehen…
Also zahle gefälligst auch den Preis deiner Schritte,
und winde dich nicht raus, sondern stelle dich der Abbitte.
Es ist und war schon immer nicht nur dein Kind, dein Sohn,
der bedroht wurde im Kampf um den Weltenthron.
Der dem Hunger dieser Welt zum Opfer fiel,

der wie tosendes Wasser am Fels zerschiel.
Der geschändet und zerfetzt vom großen Apparat,
ebenfalls einsam liegen soll in einem Grab.
Sieh es also ein.

Nein!
Verzweifelt; wieder der Erste.
Lass uns ziehen in die Schlacht!
Mit all unseren Waffen und unserer Macht!
Wir sind doch die Überlegenen.
Die stets Gerechten und Verwegenen.
Sie sollten in Angst erzittern,

Nicht wir sollten die Furcht wittern.
Wir haben doch Kultur und Recht.
Habe ich nicht Recht?

Da lacht der Zweite rote Tränen.
Wie kannst du noch das Recht auf unserer Seite wähnen?
Uns Kultur, Sitte und Zivilisation zusprechen,
wo wir es doch waren, die Ihnen Waffen gaben, um nun unsere Tore zu durchbrechen?
Es ist zu spät,
Hörst du nicht wie der Wind weht?
Der Krieg ist jetzt hier und nicht mehr da,
nicht mehr dort,
weit weg und fort.
Und ja, er ist so grausam und wahr,
wie er es eben schon immer war.
Diese Schlacht, diese jedoch kann keiner gewinnen,
alles was bleiben wird, sind Trümmer und ein paar unbemannte Zinnen.
Sieh es also ein.

Nein!
Es gibt noch Hoffnung!
Sagt der Erste ohne Reim.
Lass uns den Feind in Stücke reißen,
unter diesen Umständen, da werden es schon alle gutheißen.
Selbst wenn wir es Bomben regnen lassen,
werden die nach uns schon verstehen, und nicht hassen.
Selbst wenn wir dafür IHRE Kinder und Lieben opfern müssen,
Soll der Tod ihre Stirn und nicht die MEINE küssen.
Schau nicht so – ich weiß! Ich spreche vom Genozid,
doch lieber dies, als die Letzte Strophe vom ganzen Lied.
Ich will nicht, dass es hier endet.
Es muss doch was geben, eine Möglichkeit, wie man das noch wendet.

Ja, Hoffnung gibt es noch,
aber genau deswegen sitzen wir ja in diesem Loch!
Außerdem…
Oh, es ist wohl Zeit zu gehen.
Für Bomben ist es jetzt auch zu spät –
Sie sind hier.

Nein. Bloß nicht – Bloß nicht wir.
Ach hätten wir doch nur früher verstanden,
dann wäre dieser Tag nie geboren, nie entstanden…

Eine Tür zerberstet und das Rot fällt über sie her.
Und die beiden, die es nie gab, gibt es jetzt nicht mehr.
Ebenso, wie all jene, die sie kannten –
auch sie kamen uns abhanden!
Denn der Mensch kennt keine Gnade,
und sieht im dumpfen Zorn den Menschen als Made.
So ist er also nun hier, als Ergebnis einer kausalen Kette,
Der Tag des Zorns – der Menschheit, durch Menschenhand geschaufelte, letzte Ruhestätte.

Von Kamil Tybel, 31.Juli’16


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