Der Winter

Ein Baum steht vor dir.
Er ist stummkalt, regungslos –
als hätt keiner eine Ahnung,
wer ihr seid.

Wir stehen am Waldtor: Wegesrand.

Noch ist Winter,

spricht Baum dann
und wahrlich scheint duftloser Schnee
nur wirklich.

Und doch hört man es Pochen –
die vielen innren Sonnen schon!
Das, was hinter den Augen des Winters liegt
und Licht zurückwirft
auf die Welt.

Erdkerne leuchten,

flüstert Baum Wind,

Doch nicht das mächtigste Wesen
kann der Raupe befehlen
loszufliegen, Nest zu sein.
Das Leben regiert das Leben.

Drum welchem Gott willst du
dein Gold, deine Kleider,
die Liebeslieder und die
kostbar Lebenszeit denn schenken?

Dich fürchterlich niederknien
in zitternden Gebeten der Angst,
Es könne dich verlassen?

Da es dir doch innewohnt,
dich atmet und deinen Augen
Licht schenkt für den Blick?

Wie kann dir je gehören, was du schon bist?
Was ist ein Winter, Liebhaber,
wenn Feuer eines ganzen Alls
dir diesen Moment erbracht?

Sonne will, dass du lebst.
Und Sonne lebt in dir.

Und beide
– spiegelgleich erkannt –
löschen alle Finsternis.
Schmelzen das Eis der Ferne
und wärmen so der mutig Suchenden
tapfres Schlagen.

Die Frage,
dir innewohnt –
lass sie aufgehen!

Erwachsen in dir
wie das Blühen
einer seltenen Pflanze,
die keiner kennt.

Da sie nur einmal atmet
auf der Welt:
einmal leuchtet!

Wie das Wort Beweis eines ganzen Buches ist.
Noch nie in voller Pracht gesehen
und doch ein jeder weiß, dass die Sonne
– deine Schöpferin –
keinen Fehler begeht.

Jede Erscheinungsform des Lebens
wird geliebt, ist gesegnet und
will gefeiert werden.

All das, was du in dir,
an Hass durchlebst,
wird so lange wachsen
bis es Heilung erfährt
in dir.

Drum sieh deiner Lebenspflanze
friedlich beim Wachsen zu.
Sorge der Gesundheit aller Wesen.


Was du außen tötest,
schneidet dir innen die Adern durch.

Drum sei die Schöpfung,
die dich durchdringt.
Sei nicht der Tod,
der dich in den Wahnsinn treibt.

Die kindlich Sorgen fremder Zweifel
– gib das auf.
Höre auf niemanden.
Gehorche nicht einmal dir, wenn du denkst,
du würdest den Plan des Ganzen kennen.

Wisse nicht. Gib auf, verstehen zu wollen, Blume.
Genieße das Licht.
Du musst nicht einmal ahnen, warums dir leuchtet
und so vieles dich liebt, dir Leben schenkt.

Blüte eines urzeitalten Baumes,
das mächtigste Wesen teilt
dieselbe Wurzel mit dir.

Das, was dich zur Blume gemacht
zeigt sich als Tier, als Baum, als Stern.
Dies ist der Grund – nie weniger,
doch jeden Moment immer reicher
und mehr.

Und statt zu vergleichen
– komm zur Ruh.

Ein Lichtfunken All hat dich hierher gebracht.
Du bist nicht gekommen, dir
und anderen zu schaden.
Vergiss das alles.
Enttäusch dich, Verlorenes!

Du warst nie abgetrennt von uns.
Gegenteilig aber:
sind wir nicht ohne dich.
Du bist der, mit dem du sprichst.

Setz dich nieder und
hör dieser Stille des Winters zu:
sie spricht dir.

In Tränen ließ ich mich
angelehnt an diesen Stamm
zu Erdboden sinken,
schloss die fiebrig Augen
und fror.

– Stunden vergingen –

Die Dunkelheit des Waldes
trat hervor
und umschloss meinen Geist:
Nebeldecke aus Kälte und Furcht.

Baum? Baum!

fragt ich –
ein Schreien in die Nacht.
Kein Echo.
Kein Wald mehr.
Nicht einmal den eignen Körper
sah ich noch.

In dir!

vernahm ich dann die Stimme wieder.

Mach Licht!

ruft es.

Meine Blicke verloren sich
Der Tod war nah:
er küsste mein Herz.
Ich betete:

Hilf!

und:

Ich schaff es nicht!
Ich bin allein.

Nicht dort! – da!

sagt es dann.
Die Stimme schien zu lachen.

Dann wurd es still um mich.
Als wär ein ganzer Fluss
zum Stehen gekommen
und würd mich fragend ansehen.

Nun erneut?

erschien das Wasser mir.

Oder dorthin treiben,
wo du hingehörst,
Fisch?

Du hast dir einen Teich gebaut,
weils dir sicherer schien, nicht?
Doch einsam wartest du hier.
Und doch steht derselbe Tod am Ufer:
lauert gleich wie schon zuvor.
Dasselbe Vergehen also,
nur kleiner – und gefangen.

Statt dem Ozean an Lebenslust
dir dienen zu lassen,
dankst du schon nach zwei Tropfen ab
und japst verärgert nach Luft.

Bist du Mutes, mir zu trauen?

Ja! rief ich entsetzt von eigner Willenskraft.

Gut.

sagt stillstehender Fluss.

Dann gib dich mir!
Und gib dich ganz!
Doch sei dir Heimkehrs
Gefährlichkeit bewusst.

Gefährlich? – wieder entsetzt es mich.

Ja, Fisch. Du wirst alles
verlieren, was dir heilig ist.
Und von allem verlassen,
was du für Ozean geglaubt.

Viele Tode erwarten dich
in diesem Leben.
Doch die Frucht der Sommerernte,

Geliebter:
sie wird dir einen Hunger stillen,
den du zuvor verwechselt,
dich verraten hast –

Für was? – jubelte ich.

Da begann der Fluss wieder zu fließen:

Noch einmal Tag
und einmal Nacht wirds sein.
Und endlich dann
die Ewigkeit.

Es plätscherte an mir vorbei
und lachte wie der Weg.
Dann erwachte ich – Rand des Waldes – ein Vogel hatte mich geweckt:

Alles, was dir scheint
außen ohne dich.

Doch frag ich uns,
Bewusstes, Gottsonne:
Gibt es irgendetwas auf der Welt
als dich?

Ohne dies Dasein:
von welcher Welt sprichst du?
Gäbe es das Innere nicht,
sie zu erschaffen und anzunehmen
wahrlich – Moment für Moment?

Und der Vogel ward davongeflogen.
Und der Baum ward verstummt.
Und der Fluss und ich –
wir schweigen nun.
Nur den Winter hört man beten:

Ich lief durch einen Spiegel
Alles verwandelte sich
Ich war alles und ich war nichts
Fand mich mit anderen Namen wieder
Leben für Leben legte ich mich ab
Und Erdkern kam
der Sonne immer näher.


Gedicht von Daniel Noël Fleischmann, 20.Januar`21
Foto von Kaptan Bayraktar

Foto: Kaptan Bayraktar

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