Odyssee der Armut

Familienrat vor den Toren der Armut

Das unmittelbare und vertraute Zusammenleben auf dem Land hat die Joads, soweit es geht, vertraut und unmittelbar gemacht. Sie sind praktische Menschen. Vor ihrer Abfahrt nach Kalifornien veranstalten sie einen Familienrat, der uns Lesern einen hervorragenden Überblick über die Strukturen dieses kleinen Gesellschaftskörpers erlaubt. Vater ging um [den Wagen] herum, betrachtete ihn von allen Seiten und hockte sich dann in den Staub und suchte sich ein Stöckchen zum Zeichnen. (…) Und Onkel John kam langsam auf ihn zu und hockte sich neben ihn. Ihre Augen waren nachdenklich. Großvater kam aus dem Haus und sah die beiden dort hocken, kam mit seinen ruckartigen Schritten durch den Hof setzte sich auf das Trittbrett des Wagens, ihnen gegenüber. Und das war das Zeichen zum Anfang. Tom und Connie und Noah kamen herangeschlendert und hockten sich auf den Boden, und die Versammlung bildete somit einen Halbkreis, um dessen Öffnung Großvater saß. Und dann kam Mutter aus dem Haus, und Großmutter kam mit ihr, und hinter ihr erschien Rose von Sharon, die mit vorsichtigen, wiegenden Schritten ging. Sie nahmen ihre Plätze hinter den hockenden Männern ein, sie standen aufrecht und stemmten die Hände in die Hüften. Und die Kinder, Ruthie und Winfield, hüpften neben den Frauen von einem Fuß auf den anderen, sie gruben ihre Zehen in den roten Staub, aber sie schwiegen und verhielten sich ganz still. Nur der Prediger war nicht da. Er hatte sich hinter dem auf die Erde gesetzt. Er war ein guter Prediger und kannte seine Leute. Der kleine Rat der Joads erinnert beinahe an die Versammlungen der Griechen vor den Mauern des alten Trojas, die Homer in seiner Ilias beschreibt – nur dass es hier demokratischer zugeht. Jeder erhält die Gelegenheit zu sprechen und während einer das Wort hat, schweigen die anderen, sie hören zu, denken mit und wägen ab. Wie bereits erwähnt, ist Toms Vater das Familienoberhaupt. Er hat das letzte Worte und die Entscheidungsmacht. Dabei regiert der alte Tom keineswegs willkürlich oder stur. Er brüllt weder Kommandos, noch entscheidet er über die Köpfe der anderen hinweg. Handelt es sich um ein Themengebiet, mit dem er sich nicht auskennt, so übergibt er die Angelegenheit, ganz im Vertrauen, einem der anderen Familienmitglieder. So ist Al zum Beispiel der Zuständige für das Auto der Joads, da er eine Zeit lang in einer Werkstatt gearbeitet hat. Er wohnt dem Familienrat zum ersten mal in der vordersten Reihe bei. Wie es von den 30er Jahren nicht anders zu erwarten war, stehen die Frauen in zweiter Reihe. Sie haben das Recht, offen zu sprechen, sind aber in der Regel in letzter Instanz keine Entscheidungsträger. Jedoch wird die Regel dem Ausnahmezustand weichen müssen und die Strukturen, wie sie uns hier am Anfang der Geschichte begegnen, werden erschüttert werden.
Zuerst berichtet das Familienoberhaupt von den Verkäufen ihrer letzten Habseligkeiten, die sie auf ihrer Reise nicht mitnehmen können und die gleichzeitig das Reisebudget der Joads festlegen. Wir sind elend ‚reingelegt worden mit dem Zeug, was wir verkauft haben. Der Kerl hat gewußt, wir können nicht warten. Wir haben nur achtzehn Dollars gekriegt. In einem anderen Kapitel beschreibt Steinbeck die Verkäufer und die Wucherpreise, die sie machen, die die ohnehin schon angeschlagenen Farmer weiter ausbluten lassen. Wo Not ist, oder Krieg, da wittert der Geschäftssinn Profit. Insgesamt bleiben den Joads, nach Abzug des Wagens und sonstigem Proviant für die Überfahrt, gerade mal kümmerliche Hundertvierundfünfzig Dollar. Damals war das noch um einiges mehr als es heute ist, dennoch bei einer Strecke von knapp 2500 km in einer Rostlaube wie die Joads sie sich gerade so haben leisten können, keine Garantie dafür, auch am Ziel anzukommen. Nachdem die Familie alles wichtige für ihre Abreise beredet und beratschlagt hat, macht Tom den Vorschlag Casy, den Prediger, mit in den Westen zu nehmen. Es folgt eine kurze Debatte, in der das Für und Wider besprochen wird, die aber schließlich durch Toms Mutter jäh beendet wird. Und was das “Wollen“ anbetrifft – ja, wir haben nun schon lange hier im Osten gelebt, und nie hat einer von den Joads oder von den Hazletts sagen können, daß sie jemand Essen und Unterkunft verweigert hätten, wenn er sie gebeten hat. Es hat gehässige Joads gegeben, aber so gehässig sind sie nie gewesen. Casy wird aufgenommen und ergattert sich gleich einen Platz neben Onkel John. Damit sind die Joads vollzählig versammelt.
Bei der Ratssitzung entscheidet die Familie, so früh wie möglich nach Kalifornien aufzubrechen. Sie haben sich für diesen fernen Staat, von dem sie nur Geschichten kennen, entschieden, weil ihnen einer der unzähligen Zettel in die Hände fiel, die von West nach Ost strömten, wodurch nun immer mehr Menschen von Ost nach West zurück strömten. Diese Handzettel gaben den zahlreichen Farmer, die nun Obdachlose auf Rädern waren, eine Richtung, denn sie wussten sonst nicht wohin. Die Zettel werden auf der Reise der Joads immer wieder Erwähnung finden und je weiter die Familie vordringt, desto transparenter wird das Papier.

Ausblick auf den Horizont der Not

Über die Charaktere des Romans könnte man selbst Romane schreiben. Ihre Komplexität und Tiefe und vor allem ihre Zusammenhänge untereinander und zu den Strukturen über ihren Köpfen, an die unser Autor uns regelmäßig erinnert, erlaubt uns, von ihnen zu lernen, über sie Betrachtungen vorzunehmen, Analysen und Interpretation, ganz genauso wie bei wirklichen Menschen, mit wirklichen Lebens- und Handlungsabläufen. Und bei der Darstellung dieser Verurteilten, die aus dem Leben in die Seiten gefallen sind und dort nun hoffnungslos gefangen im Amerika der 30er Jahre um ihr Leben kämpfen, verzichtet Steinbeck auf Abhandlungen der Psychologie, viel mehr entsteht sie voll und ganz aus dem, was die Figuren sagen und dem was sie in praktischer Beziehung zueinander tun. Außerdem versucht Steinbeck uns zu keinem Zeitpunkt der Geschichte hinters Licht zu führen, indem er uns wichtige Informationen über die Geschehnisse oder aber Charaktere vorenthält. Anders als ein Dostojeweski z.B, dessen Romane aufs feinste durchdacht sind und die gerne mit Leerstellen spielen, um den Leser auf die falsche Fährte zu locken, strebt Steinbeck die totale Offenlegung aller Umstände an. Er will aufklären, er will aufdecken und er will beschreiben. Und so erleben wir kurz nach der Ratssitzung der Joads hautnah mit, wie die Männer zwei Schweine schlachten, sie ausnehmen, zerteilen, ausbluten lassen und schließlich einsalzen. Anstatt großspurig Emotionen darzustellen, zeigt uns Steinbeck schlicht die Gesichter und vor allem immer wieder die Hände, die vielen arbeitenden Hände und die kleinen Marotten und Gesten unserer Helden, die uns das Gefühl geben, sie würden ihre Köpfe und Arme aus den Sätzen und Buchstaben herausstrecken.
Mit dem Familienrat endet der Prolog der Geschichte. Sie umfasst knapp ein Viertel des gesamten Werks. Hier beginnt die eigentliche Handlung des Romans. Von diesem Punkt an erwartet die Joads eine Odyssee. Dreizehn Menschen auf engsten Raum, auf vier rostigen Rädern. Darunter zwei Kinder, zwei Alte, ein Säufer, ein Ex-Häftling auf Bewährung, der den Bundesstaat nicht verlassen darf, ein ehemaliger Prediger und eine schwangere Frau. 154 Dollars, zwei Schweine in einem Fass und so viel vom alten Leben im Gepäck wie auf einen Wagen mit Anhänger passt. Auf der Suche nach einer Existenzgrundlage. Auf der Suche nach sinnvoller und nützlicher Arbeit. Sie suchen keine Hilfe, sie suchen sich selbst zu helfen und ihren Teil zum Ganzen beizutragen. Sie wollen keine Almosen. Steinbeck wird auf den Unterschied zwischen Wohlfahrt und Arbeit, zwischen dem ein Abgrund liegt, in einem der späteren Kapitel eingehen. Sie haben uns die Würde genommen, die Menschenwürde (…) Wir wollen keine Wohltätigkeit! (…) Noch nie hat meinen Mann was untergekriegt, aber die – die Heilsarmee – die haben’s fertiggebracht. Die Familie erwarten viele Prüfungen, bei denen man sich am liebsten wie Tom auf die Lippe beißen würde. Es erwartet sie Not und sie wird sie zusammenschweißen, aber sie wird sie auch unter Druck setzen und nicht selten werden sie drohen zu platzen. Sie werden auf ihrem Weg Familienmitglieder verlieren, wie auf einem Schlachtfeld, und sie werden Gräber schaufeln, eigenhändig, weil das Geld für eine Beerdigung fehlt. Sie werden diskriminiert, betrogen und ausgegrenzt werden. Sie werden Angst haben und das Gesetz brechen. Sie werden aber auch Rast finden und Freunde und gelegentlich sogar Zeit zum Lachen und zum Tanzen und Singen. Sie werden gegen die Götter kämpfen, mit Schaufeln, und die Natur erzürnen und fluchen und weinen und trotzdem nicht aufgeben.

Das Kleine im Verhältnis zum Großen

Die Joads sind die Joads, aber die Joads sind auch Hunderttausende. Diesen Umstand macht uns Steinbeck nicht nur auf der Reise unserer Helden durch ihre zahlreichen Bekanntschaften deutlich, sondern auch jedes zweite Kapitel, in denen der Erzähler, der uns unaufgeregt durch die Handlung führt, ein paar Höhenmeter zurückgeht. Er beschreibt das Land und die verlassenen Häuser, er erzählt uns aus der Geschichte Kaliforniens und von seinen Ureinwohnern, von der Route 66, dem damaligen Aushängeschild amerikanischen Wohlstands, auf der Hunderttausende der Enteigneten fuhren und schliefen, ferner berichtet er uns aus dem mühseligen und stolzem Leben der Farmer, wie sie ihr Land bestellen, wie sie es kennenlernten und es erforschten und davon, wie sie ihr Hab und Gut verkaufen mussten und wie andere davon profitierten und Steinbeck zeigt uns die Großgrundbesitzer, die in ihren schicken Wagen kommen und das Land inspizieren, bevor sie es nehmen. Er dehnt die Geschichte fortwährend aus und zieht sie dann wieder zusammen, sodass wir Gelegenheit erhalten zu verstehen, woher die Ohnmacht unserer geschätzten Hauptfiguren rührt und wer die Schuld an ihrer Misere trägt. Dabei malt er eindrucksvolle Bewegungen und Bilder der Natur und der Menschen, deren gesellschaftliche Kräfte dem Einzelnen ebenso gewaltig entgegentreten wie die der Natur. Der Staub, ein Bild, dass sich beinahe durch den ganzen Roman zieht, ist bezeichnend dafür. Ebenso wie er, trocknen auch die Großgrundbesitzer und Banken das Land und ihre Einwohner aus, bis alles verlassen und leergefegt ist. john-steinbeck.jpgSteinbeck durchbricht das undurchsichtige Eis der Einzelschicksale und teilt das darunterliegende, verschmutzte Wasser, sodass wir am Grund der Tragödie, die sich auf der Oberfläche abspielt, laufen können und sehen, warum passiert, was passiert. Und so verstehen wir, dass der Leidensweg der Joads und all der anderen Familien gesellschaftlichen Ursprungs war. Gesellschaftliche Kräfte, die zwar im Augenblick ihrer Wirkung wie eine Naturgewalt auftreten, in Wahrheit aber keine sind. Sie haben zum Unterschied, dass sie veränderbar sind. Mit diesem Blick erhält der Roman eine doppelte Tragik und zuweilen stechende Agonie. Einerseits weil wir miterleben, was die Joads und all die anderen mittellosen Familien durchstehen müssen und andererseits weil wir erfahren, dass ihr Leid gar keine Notwendigkeit war. Dieser doppelte Blick auf die Dinge ist es, der Steinbecks Realismus seine einzigartige Schärfe verleiht. Wir alle müssen’s uns überlegen. Es gibt doch eine Möglichkeit, da ein Ende zu machen. Es ist nicht wie Blitz und Erdbeben. Es ist einfach eine böse Sache, die Menschen gemacht haben, und – bei Gott – das ist was, wo wir ändern können.

Der Schriftsteller im Schatten seiner Figuren

Steinbeck hatte damals einen Auftrag von einer Zeitung erhalten. Er sollte über die Okies berichten, die in Scharen über die Route 66 zogen und nirgends eine Heimat fanden. Zu diesem Zweck schloss er sich selbst einer der Familien an und reiste mit ihnen den beschwerlichen Weg gemeinsam. Erfahrungen aus erster Hand also. Das verwundert nicht. Am Ende ist aus all seinen Eindrücken Früchte des Zorns entstanden. Ein episch-historischer Roman ganz im Zeichen des Realismus. Wenn wir das Buch in die Hand nehmen, dann merken wir schnell, dass Steinbeck kein Reporter war, wir merken aber auch, dass sein Wahrheits- und Wirklichkeitsanspruch keinesfalls ein geringerer war. Die Fiktion der Familie, die es so wie es da steht nie gab, war eine Möglichkeit das Schicksal aller Menschen, die er auf seinen Reisen getroffen hatte, auf fünfhundert Seiten zu konzentrieren. Ihre Geschichte zu erzählen, wenn man so will. Und zwar möglichst so wie sie war. Bereits die Widmung, am Anfang des Romans ist ein Zeugnis dieses Anspruches: Carol wollte dieses Buch / Tom lebte es. Ein Mann, der über die Wahrheit schreiben will und der es sogar schafft. Kurz nach der Veröffentlichung des Romans haben einige Wirtschaftsvertreter sich mit ihren Freunden aus dem konservativen Flügel der Politik in ihrem wöchentlichen Lesekreis zusammengefunden und das Buch, das überall in Amerika seine Wellen schlug, einmal aufgeschlagen. Und sie erschraken nicht schlecht, als sie da auf dem Papier sahen, dass es einer ganz genau so geschildert hatte, wie es wirklich passierte und da haben sie ihn einen Vaterlandsverräter gerufen und ihn ab da zu den Roten gezählt und das Buch schnell wieder zugeschlagen. Aufgebracht sind sie vor den Kongress getreten, der am Ende sogar tatsächlich einknickte und das böse, rote Zeitdokument verboten hat. Es gibt viele, die wissen wollen, was eigentlich Rote sind. (…) Jedes Schwein, wo dreißig Cents die Stunde will, wenn wir fünfundzwanzig zahlen, ist’n Roter. Das Verbot hielt allerdings nicht lange an, bereits ein Jahr später erhielt Steinbeck den Pulitzer Preis für Früchte des Zorns. Zwei Auszeichnungen in so kurzer Zeit. Unser Autor wird sich gefreut haben.
Aber vielleicht auch nicht, immerhin rangeln sich viele Widersprüche um den Lebenslauf und die Ansichten Steinbecks, die hier aber nicht weiter Beachtung finden sollen. Wir wollen ihn rein aus den Früchten des Zorns heraus beurteilen, wo wir ihn allerdings – und das ist vielleicht das größte Lob, dass man dem Verstorbenen geben kann – kaum antreffen. Steinbeck verschwindet beinahe ganz im Schatten seiner handelnden Figuren, was ihnen wiederum genügend Platz gibt, ihre menschliche Würde, die hinter der Druckerschwärze verborgen liegt, zum Vorschein zu bringen. Ohne jeden Zweifel muss er über eine unermessliche Geduld und Beobachtungsgabe verfügt haben. Und ohne jeden Zweifel faszinierte ihn nichts mehr als der Mensch, ist er noch so dreckig oder anstößig, ihm galt sein schreiben. Deshalb zum Abschluss ein Zitat von Casy, hinter dem wir guten Grund haben, auch Steinbeck zu vermuten.
Alles was lebt, ist heilig.

Text von Kamil Tybel, 04. Apr.’19

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