Odyssee der Armut

Angst und Wahnsinn eines Gespensts

Ebenso wie Tom ist Casy ein Heimkehrer, der das Land seiner Herkunft ausgezehrt und ausgetrocknet wiederfindet und nirgends bleiben kann. Gemeinsam gehen sie zur der Farm von Toms Eltern, die sie verlassen und beschädigt vorfinden. In einem vorangegangen Kapitel erfahren wir, dass es mit einem Traktor gerammt worden ist. Man hatte den Fahrer damit beauftragt, da die Joads sich weigerten ihr Land aufzugeben. Die eiserne Nase drang in die Hausecke ein, zertrümmerte die Mauer und löste das kleine Haus von seinem Fundament, so dass es zur Seite fiel, einem Käfer gleich zertreten. (…) Der Traktor schnitt eine gerade Linie durch das Land, und die Luft und der Boden vibrierten unter seinem Donner. Es heißt, die Not schweißt zusammen. Das mag stimmen, aber ist die Not zu groß, oder die Mittel zu klein, so geschieht auch Gegenteiliges, dann sprengt die Not Menschen Granatensplittern gleich auseinander. Dann tritt der Verrat an die Stelle der Solidarität. So erfahren wir im selben Kapitel, dass der Mann, der auf dem Traktor sitzt, der Sohn eines Freundes der Familie ist.
Auf dem verlassenen Gelände treffen Tom und Casy auf Muly. Muly ist einer der zahlreichen Nebencharaktere, in deren Geschichte wir Einblick erhalten. Er ist alt und bei dem Gedanken das Land zu verlassen, auf dem er groß geworden ist, leidet er schwere Ängste. Na ja, siehst du, es ist eben ’ne komische Sache. In mir drin ist irgendwas passiert, wie sie mir gesagt haben, ich muss fort. Erst wollte ich losgehen und ’ne ganze Herde von Leuten umbringen. Dann ist meine Familie weggezogen nach Westen. Und ich habe angefangen ‚rumzuwandern. Einfach ‚rumzuwandern, nichts weiter. Bin auch nie sehr weit gekommen. Und ich habe geschlafen, wo ich gerade war. Heute Nacht wollte ich hier schlafen. (…) Ich wandere einfach herum, wie’n alter, elender Kirchhofgeist. Ein Motiv, das uns gleichfalls in Toms Familie bei seinem Großvater begegnen wird. Beide haben ihr ganzes Leben auf dem Fleckchen Land verbracht, dass sie nun verlassen sollen. Neben Unkraut und Ungeziefer liegen im Boden ihre Erinnerungen begraben. Sie sind auf dem Land abgespeichert, wie auf einer externen Festplatte, die anzuschauen es reicht, um sich mit ihnen in Verbindung zu setzen. Da bin ich nun wieder hingegangen und habe mich auf den Boden gelegt und alles noch mal erlebt. Und dann die Stelle unten bei der Scheune, wo Vater von’nem Bullen aufgespießt worden ist. Sein Blut ist noch dort in dem Boden. Muß ja sein. Hat nie kein Mensch weggewaschen. Und ich habe meine Hand auf den Boden gelegt, wo das Blut von meinem Vater geflossen ist (…) Denkt ihr nun, ich bin verrückt? Ein wenig vielleicht Muly, aber das macht uns weiter nichts aus und auch verwundert es uns nicht allzu sehr, dass es dir schwerer als der jungen Generation fällt, Abschied zu nehmen. Du siehst deinen blutenden Vater, wo ein kleines Mädchen nichts als braune Erde sieht und ein paar Würmer. Du siehst eine vergangene Liebschaft, wo ein Junge vielleicht nichts als eine alte Scheune und ein paar Schaufeln sieht. Es sind die Geschichten, die dich in Sicherheit wähnen, um die du dich fürchtest und aus denen du dein Ich schöpfst, es sind die Geschichten, die dich daran erinnern, wer du bist. Wie sollen wir leben, ohne unsere Leben? Woher sollen wir wissen, daß wir’s sind – ohne unsere Vergangenheit? (…) Wie wird es sein, wenn man Nachts aufwacht und weiß – und weiß, daß der Weidenbaum nicht mehr da ist? Kann man denn leben ohne den Weidenbaum? Nein, man kanns’s nicht. Der Weidebaum bist du. Der Schmerz auf der Matratze da – dieser furchtbare Schmerz – das bist du. (…) Und sie häuften ihre alten Sachen in den Höfen auf und zündeten sie an. Sie standen da und sahen zu…, wie da brannte wer sie waren im Feuer. Muly schafft es nicht, einen solchen Brand zu legen und seine Vergangenheit im schwarzen Rauch verblassen zu sehen. Er entscheidet sich für die Einsamkeit, für ein Leben als Gespenst unter Gespenstern, die ihm aus den Ecken und Winkeln der verlassenen Häuser zuflüstern. Natürlich ist Muly verrückt. Wenn man so ‚rumkriecht wie ein Kojote, muß man ja verrückt werden. Er wird sehr bald mal einen umbringen, und dann werden sie ihn mit Hunden hetzen.

Die Joads und der verlorengeglaubte Sohn

Tom, Casy und Muly verbringen die Nacht gemeinsam draußen in der verlassenen und zerfallenen Joad Farm. Sie machen ein Lagerfeuer, reden, tauchen notgedrungen unter und braten und essen im Anschluss ein Kaninchen, das Muly zuvor gefangen hatte. Am nächsten Morgen ist der alte Kirchhofgeist verschwunden und Tom und Casy machen sich alleine auf den Weg zu Toms Familie, die, wie Muly ihnen erzählt hat, zu Toms Onkel John gezogen sind und die bereits planen und sich vorbereiten nach Kalifornien überzusiedeln. Die Farm von Onkel John ist viel kleiner als die von Toms Eltern. Es ist der erste Schritt abwärts in einen immer enger werdenden Raum der Armut. Draußen auf dem Hof werden wir von Toms Vater begrüßt. Seine Schuhe waren rissig und die Sohlen aufgedunsen und bootsförmig von Jahren der Sonne, der Nässe und des Staubes. Seine Hemdärmel saßen stramm um die Unterarme, über stark sich abzeichnenden, kräftigen Muskeln. (…) Seine Lippen, zwischen denen er jetzt die langen Nägel hatte, waren dünn und rot. Der alte Tom ist ein Farmer wie er im Buche steht. Tüchtig, pflichtbewusst und geradlinig. Er ist das Familienoberhaupt. Als der alte Tom seinen Sohn entdeckt ist er sichtlich über dessen Wiederkehr überrascht. Und er sagte nachdenklich, als bringe er sich selbst die Tatsache zum Bewusstsein: „Das ist Tommy….“ Und dann, noch immer zu sich selbst: „Das ist Tommy, der nach Hause kommt“ (…) Der alte Tom legte den Hammer sanft zu Boden und steckte die Nägel in die Tasche. Er schwenkte sein Bein über die Seitenwand und ließ sich gelenkig zur Erde gleiten. Als er aber neben seinem Sohne stand, schien er verlegen und befremdet. Beide Männer vom Land haben es nicht gelernt, intensiven Gefühlen dieser Art Ausdruck zu verleihen. Und so stehen sie einen Augenblick unbeholfen voreinander. Aber auch wenn es ihnen nicht ganz gelingen will, wird uns zumindest rührend deutlich, dass Tom und seine Familie einen harmonischen Umgang pflegen. Es ist erstaunlich, manchmal sogar beängstigend wie ehrlich und offen alle Joads miteinander sind. Wenn einer von ihnen lügt, dann stets aus guter Absicht, oder aber aus der Not heraus. Ansonsten spricht jeder von ihnen offen das aus, was er denkt. Ebenso wie Tom selbst, erkennen sie seinen Totschlag als reine Notwehr an.Download.jpg
Der Verlegenheit des Vaters folgt die Aufregung. Er geht mit seinem Sohn ins Haus, weiter in die Küche. Eine Frau steht dort. Sie brät Fleisch. Sie bemerkt die Männer erst nicht. Wir wollen sie uns ein wenig näher anschauen, lasst uns sie auf die Bühne rücken, wo wir sie gut und deutlich sehen können, denn diese Frau da, man merkt es vielleicht nicht gleich, die da das Fleisch brät, mit blass grauem Blumenkittel und einem dicken Knoten auf dem Hinterkopf, diese Frau, sie ist eine Heldin wie sie die Literaturgeschichte nur selten zu Papier brachte, sie ist eine Bergquelle der Kraft, ein Ozean der Güte, ein Waldbrand der Wut und ein schwarzes Loch der Sorge. Sie ist das Herz der Familie, setzt das Herz aus zu schlagen, stirbt der ganze Körper. Sie wird den Tod umarmen und am leben bleiben, sie wird den Schlaf überwinden und gegen Unsinn kämpfen und gegen den Hunger und die Ängste aller Familienmitglieder. Diese Frau da, am Herd mit der Bratpfanne in der Hand, das ist Toms Mutter. Ihr volles Gesicht war nicht weich, es war beherrscht und gütig. Ihre braunen Augen schienen alles Tragische erfahren zu haben, sie schienen über Schmerz und Leiden gegangen zu sein, wie über Stufen zu einem hohen, ruhigen und übermenschlichen Verständnis. Sie schien sich ihrer Stellung bewußt zu sein, schien sie anzuerkennen und zu begrüßen, ihre Stellung als Bollwerk der Familie, eine Stellung, die ihr nicht genommen werden konnte. Und da der alte Tom und die Kinder weder Schmerz noch Furcht erfahren konnten, wenn sie, die Mutter, es nicht wusste, hatte sie es sich längst abgewöhnt, für sich selbst Schmerz und Furcht zu empfinden. Und da sie alle, wenn etwas Frohes geschah, auf sie blickten, um zu sehen, ob die Freude auch sie berührte, war es ihr zur Gewohnheit geworden, aus den unzugänglichsten Dingen Frohsinn zu gewinnen. (…) Und aus ihrer großen und zugleich demütigen Stellung in der Familie hatte sie Würde gewonnen und ein saubere, stille Schönheit. Als die Mutter ihren Sohn sieht, von dem sie befürchtete, sie müsste ihn zurücklassen, ohne eine Adresse, die sie ihm hätte geben können, oder ein Wort des Abschieds, fällt ihr erschrocken die Bratpfanne aus der Hand. Sie stürzt auf ihren Jungen zu, während Toms Vater die beiden fröhlich und aufgeregt beobachtet. Seine zurückgehaltene Freude findet Ausdruck durch den Ausdruck der Freude seiner Frau. Sie kam behende und lautlos auf ihren nackten Füßen auf ihn zu, und ihr Gesicht war voller Erstaunen. Ihre kleine Hand befühlte seinen Arm, befühlte die starken Muskeln. Dann tasteten sich ihre Finger, gleich den Fingern einer Blinden, hinauf zu seiner Wange. Und ihre Freude war fast wie Schmerz. Tom zog seine Unterlippe zwischen die Zähne und biß zu. Ihre Augen sahen verwundert seine zerbissene Lippe, sahen den kleinen Strich von Blut an den Zähnen und den Tropfen, der auf der Lippe stand. Da wusste sie alles, und ihre Selbstbeherrschung kehrte zurück, und ihre Hand sank herab. Es sind Passagen wie diese, die Steinbecks Roman zu einem Ganzen fügen. Passagen der menschlichen Wärme, der Solidarität und der menschlichen Spontanität, die den Passagen unmenschlicher Kälte, der Konkurrenz und Mechanik gegenüberstehen. Und so kommt es inmitten aller Katastrophen, die die Farmer heimsuchen, genauso wie man es von Soldaten auf dem Schlachtfeld hört, zu Ausbrüchen unermesslicher Freundschaft und unermesslicher Fähigkeit. Toms Mutter wird sich auf diesen Schlachtfeldern unzählige Auszeichnungen verdienen, die ihr niemand geben wird.
Nach ein paar Worten der Begrüßung schickt die Mutter Toms Vater, die Großeltern zu holen. Sie nutzt dieses kurze Zeitfenster des Alleinseins, um sich bei ihrem Sohn ganz ohne Umschweife zu erkundigen, ob er im Gefängnis auch nicht verrückt geworden sei. Beide werden dabei etwas verlegen. Ein weiteres Beispiel des offenen und praktischen Umgangs. Statt sich hinter verschlossenen Türen wahnsinnig zu denken, fragt sie ihren Sohn direkt. Auch wenn es sie verlegen macht. Tom entkräftet ihre Sorge und erleichtert erzählt sie ihm vom kleinen Floyd aus der Gegend, den man ebenfalls eingesperrt hatte. Sie haben nach ihm geschossen wie nach’nem Tier, und er hat zurückgeschossen, dann haben sie ihn gejagt, wie einen Kojoten. Und er hat geschrien und gebissen. Er war verrückt. Er war kein Bursche mehr und kein Mann, er war einfach ein Stückchen Wahnsinn. Aber die Leute, wo ihn kannten, haben ihn nicht geschlagen.
Nach und nach lernen wir die restlichen Joads kennen. Da ist der Älteste, Noah. Er war noch nie in seinem Leben wütend gewesen. Er sah wütende Leute nur mit Erstaunen an, mit Erstaunen und Unbehagen, wie normale Menschen Geisteskranke betrachten. Der Großvater. Er knöpfte sich im Gehen die Hose zu, und seine alten Hände hatten Schwierigkeiten, die Knöpfe zu finden, denn er hatte den obersten Knopf in das zweite Knopfloch geknöpft und damit alles durcheinandergebracht. (…) Er hatte ein mageres, erregbares Gesicht mit kleinen leuchtenden Augen, die bös waren wie eines wilden Kindes. (…) Hinter ihm her stolperte Großmutter, die sich nur behauptet hatte, weil sie ebenso bös war wie ihr Mann. Und dann sind da noch die schwangere und blauäugige Rose von Sharon, älteste Tochter, ihr verträumter Ehemann Connie, Toms jüngerer Bruder Al, gerade mal 16 Jahre alt ist und die beiden kleinsten Kinder der Joad Familie, Ruthie und Winfield. Das macht insgesamt zwölf. Zählt man den Prediger dazu, sind wir bei Dreizehn. Vielleicht sind dem ein oder anderen bereits die zahlreichen Bibelreferenzen aufgefallen, die Steinbeck in seinem Werk eingebaut hat. So ist die Anzahl der Reisesenden vermutlich kein Zufall. Oder die Namen Noah und Rose von Sharon. Der Titel selbst, der auf einer Idee von Steinbecks Ehefrau Carol Henning beruht, geht auf einen Vers aus der Bibel zurück. Und der Engel schlug an mit seiner Hippe an die Erde und schnitt die Trauben der Erde und warf sie in die große Kelter des Zorns Gottes. Da Amerika ebenfalls, wie das Abendland, auf einem starken Christentum und Gottesglauben gegründet ist, verwundern uns diese Referenzen nicht weiter. Er ist ähnlich wie der Kapitalismus im Knochenmark der amerikanischen Kultur mit inbegriffen. Stattdessen erinnern wir uns an Casy, der uns Steinbecks Umgang mit der Bibel verrät. Ich kenne ein Buch mit Geschichten, aber ich liebe nur die Menschen.

Kommentar verfassen